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Stellvertretende Rede zum 8. März – Gewaltschutz und Gleichstellung
Wir stehen hier heute stellvertretend für eine Person aus dem Arbeitsfeld Gewaltschutzhaus, die leider nicht hier sein kann. Diese meist unsichtbare Arbeit fängt auf, was in einem kaputten System entsteht. Umso wichtiger ist es, dieses Thema heute am 8. März auf die Straße zu bringen.
Weil fast jede zweite Frau mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt erfährt und fast jede fünfte Frau, die Gewalt durch ihren Partner erlebt, Angst um ihr Leben hat, zeigt die neue Dunkelfeldstudie das erschreckende Ausmaß der traurigen Realität!
Und was sagt uns das? Gewalt, egal in welcher Form, ist für weiblich gelesene Personen der bittere Alltag – ein Alltag voller Angst, Schmerz und Hilflosigkeit, Enttäuschung, Wut und Verzweiflung, welche das Leben der Opfer bestimmt.
Und auch heute noch ist die Thematik mit Scham behaftet, wird gesellschaftlich oft nicht wahrgenommen, geschieht hinter verschlossenen Türen. Weniger als 10% der Straftaten werden angezeigt.
Fasst eine Frau den Mut zusammen und flieht, begegnet ihr oft Unverständnis: „Warum lässt sie das mit sich machen? Sie hätte doch nur gehen müssen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass er ihr sowas antun würde.“ Ein stetiges Rechtfertigen, die Taten zum x-Mal erläutern, bis ihr geglaubt wird. Spielen gemeinsame Kinder eine Rolle, hebelt das Umgangsrecht das Annäherungs- und Kontaktverbot aus.
Die Eskalation dieser Gewalt, die Spitze des Eisbergs, zeigt sich in 98 vollendeten Femiziden im Jahr 2025, auch hier in Magdeburg. Anders gesagt: Jeden vierten Tag passiert ein Femizid.
Doch wo bleiben die großen Berichterstattungen? Wo bleibt die Empörung und wo die Forderungen nach härteren Konsequenzen, Präventions- und Schutzmaßnahmen? Anders als in der öffentlichen Berichterstattung oft verkauft wird, ist das Problem nicht die Herkunft. Das Problem ist das Geschlecht – Gewalt ist männlich! 90% der körperlichen Gewalt wird von Männern ausgeübt. Das sind keine Einzelfälle oder Familiendramen – wir haben ein strukturelles Problem!
Maßnahmen, die notwendig sind:
- Ausbau der Täter- und Präventionsarbeit
- Schulungen für Polizei, Justiz, Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeiter*innen
- Ausbau von Schutzmaßnahmen, Beratungs- und Anlaufstellen sowie Frauenhausplätzen (noch immer fehlen ca. 14.000)
Ein Lichtblick: Das Gewalthilfegesetz wurde beschlossen, womit ab 2032 endlich ein Rechtsanspruch auf Schutzplätze und Beratung besteht. Ein Meilenstein für den Gewaltschutz, den wir dem unermüdlichen Engagement frauenpolitischer Organisationen zu verdanken haben – ein Sieg, den Flinta* erkämpft haben!
Und da komme ich auch als Gewerkschafterin ins Spiel: Gestern war der Equal Pay Day – seit dem 01. Januar haben Frauen ganze 58 Tage unbezahlt gearbeitet.
Schutz und Beratung kommen jedoch erst ins Spiel, wenn Personen sich aus den Gewaltdynamiken herauslösen können. Wirtschaftliche Abhängigkeiten und geschlechtsbasierte Machtgefälle erschweren den Weg raus aus der Gewaltbeziehung.
Noch immer sind meist schlecht bezahlte Sorgeberufe weiblich. Selbst bei gleicher Qualifikation werden Flinta* schlechter bezahlt. Wir fordern endlich gleichen Lohn für gleiche Arbeit!
Es braucht aber auch eine Umverteilung von Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern, die Aufwertung erwerbsmäßiger Sorgearbeit und familienfreundliche Arbeitsbedingungen! 16 Prozent beträgt der Gender Pay Gap seit 2024 – zwei Prozentpunkte weniger, immerhin.
Gewaltschutz und Gleichstellungspolitik müssen zusammen gedacht werden! Und dafür braucht es vor allem einen politischen Willen – den Willen, das patriarchale System zu durchbrechen, um Antifeminismus und alle Formen der Diskriminierung und Gewalt entgegenzuwirken, um den Gewaltschutz und eine echte Gleichstellung voranzubringen. Es braucht eine Stärkung der feministischen Zivilgesellschaft. Wir haben ein Recht auf ein selbstbestimmtes, gleichgestelltes, gewaltfreies Leben – ein Recht auf ein sicheres Leben.
Darum sind wir heute hier und wir sind laut: Flinta* die kämpfen, sind Flinta* die leben – lasst uns das System aus den Angeln heben!