Rozalia

Heute ist weltweit ein Kampftag.

Überall auf der Welt erheben Frauen heute ihre Stimmen. Wir sind kilometerweit entfernt, sprechen verschiedene Sprachen, kommen aus unterschiedlichen Kulturen und haben nicht denselben Glauben. Und trotzdem sprechen wir heute die gleichen Worte: Jin, Jiyan, Azadî – Zan, Zendegi, Āzadi – Frauen, Leben, Freiheit!

Stark sind wir dann, wenn wir zusammenhalten und unseren Kampf als einen gemeinsamen erkennen – wie ein geflochtener Zopf, der jedes einzelne Haar miteinander verbindet und so zu einem wird. Ein Haar reißt leicht, doch viele verflochten sind stark und fest. Die Frauenverteidigungseinheiten, die YPJ (Yekîneyên Parastina Jinê) der selbstverwalteten Region von Nord- und Ostsyrien, tragen ihre langen geflochtenen Zöpfe mit Stolz.Der geflochtene Zopf ist seit Beginn dieses Jahres ein Symbol feministischer Kämpfe geworden. Während der brutalen Angriffe auf die demokratische Selbstverwaltung und den vorwiegend kurdisch besiedelten Teil Rojava schnitt ein Dschihadist die Haare einer YPJ-Kämpferin ab und hielt sie stolz in die Kamera. Damit haben sie ihrer frauenfeindlichen, islamistischen Ideologie Ausdruck verliehen.

Denn auch wenn Al-Jolani – jetzt unter seinem bürgerlichen Namen Ahmet Al-Sharaa, der neue Präsident der selbsternannten syrischen Übergangsregierung – international legitimiert wird und in Washington und Berlin willkommen geheißen wird, heißt das nicht, dass er seine Al-Nusra-Vergangenheit abgelegt hätte.

Doch der geflochtene Zopf wurde zum Symbol der Frauenrevolution. Nicht nur für Rojava, wo die YPJ – die Frauenverteidigungseinheiten – die Errungenschaften der Frauen verteidigen: politische Teilhabe in allen Bereichen, eigene Fraueninstitutionen und Organisationen, in denen die Bedürfnisse und der Wille der Frauen organisiert werden. Außerdem das System des Ko-Vorsitzes, bei dem jedes repräsentative politische Amt immer von einem Mann und einer Frau besetzt wird.Überall auf der Welt haben Frauen mit Videos von sich reagiert, in denen sie sich die Haare flechten. Sie haben ihre Solidarität unmissverständlich gezeigt. Dabei geht es darum, dass die Würde jeder Frau weltweit geachtet werden muss.Somit verteidigen die YPJ nicht nur physisch und militärisch ihre Heimat und das demokratische System, das von einer Gesellschaft verschiedenster Religionen und Kulturen selbst aufgebaut wurde – sie sind ein Teil der Frauenbefreiungsbewegung in Syrien und symbolisieren legitime Selbstverteidigung.Schauen wir nach Deutschland, stellen wir fest, dass der Anteil an Frauen im Bundestag sich gerade einmal auf 30 % beläuft. Gleiches gilt im Durchschnitt für die Landtage. Einige deutsche Frauen haben die internationale Bühne der Mächtigen bestiegen und tun es noch – wie Ursula von der Leyen, Annalena Baerbock oder ganze 16 Jahre lang Angela Merkel.Doch in der Bundesrepublik selbst wird die Hälfte der Bevölkerung nicht repräsentiert.Man könnte jetzt Quoten einführen, doch das eigentliche Problem liegt in strukturell verankerter Arbeitsteilung und gesellschaftlichem Sexismus. Denn in erster Linie sind Frauen immer noch Ehefrau, Mutter, Hausfrau und Sexobjekt – nicht Politikerinnen.Und auch wenn es mehr Politikerinnen in einflussreichen Positionen gäbe, macht es nur dann einen Unterschied, wenn sie auch eine Politik im Namen der Frauen und der Gesellschaft vertreten. Das bedeutet nicht Sozialabbau durch enorme Einschränkungen bei der Grundsicherung und Kürzungen im Sozialen, in Kultur und Bildung. Das bedeutet nicht den Ausbau eines autoritären Staates durch mehr Überwachung. Und schon gar nicht bedeutet es, Milliarden in Militarisierung und Aufrüstung zu stecken und schrittweise den Wehrdienst wieder einzuführen.Auch wenn die Musterung ab diesem Jahr für junge Männer eingeführt wurde, ist klar: Wir Frauen würden verweigern!Diese Politik führt dazu, dass Frauen in ökonomische Abhängigkeit von ihrem Partner geraten, Jugendliche von ihren Eltern abhängig bleiben und alleinerziehende Mütter in Armut getrieben werden. Jugendliche erfahren sozialen Ausschluss und weniger kulturelle Bildung.Bis dahin, dass Frauen für sich als beste Möglichkeit sehen, ihren Körper für Geld zu verkaufen. Das ist eine Realität in Deutschland. Nicht ohne Grund bezeichnete die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner Deutschland als „Puff Europas“.Und wirklich – die Zahlen sind erschreckend. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind in Deutschland 32.000 Prostituierte offiziell registriert. Die deutsche Steuergewerkschaft geht jedoch von rund 250.000 Sexarbeiterinnen aus, der Bundesrat von einer Zahl zwischen 150.000 und 700.000.Doch spiegeln diese Zahlen nur das Ausmaß des Sexismus und die Objektifizierung von Frauen wider, wie wir sie jeden Tag schon vom frühen Alter an erleben.Uns wundert es überhaupt nicht, dass in Deutschland pro Monat 43.000.000 Mal Pornowebsites aufgerufen werden und 80 % der Männer regelmäßig Pornos schauen. Durch KI sind in der Pornowelt Gewaltfantasien und solche, die fern von jeglichen gesellschaftlichen Normen und menschlicher Würde sind, kaum noch begrenzt.Darum lasst euch nicht täuschen!Der Blick auf den Po, ein Pfiff hinterm Rücken, das Gefühl, nie genug zu sein, der eigenen Wahrnehmung nicht zu vertrauen – das ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel.Lasst euch nicht täuschen!Lasst uns den männlichen Blick und patriarchale Maßstäbe von unseren Körpern und aus unseren Köpfen und Herzen vertreiben.Freiheit und Selbstbestimmung von Frauen geht die gesamte Gesellschaft etwas an. Solange auch nur eine Frau unfrei ist, kann auch kein Mann sich in einer gerechten und menschlichen Welt wissen.Ein frauenfeindliches System muss zerschlagen werden.Jin Jiyan Azadî gilt überall. Jin Jiyan Azadî gilt noch morgen und übermorgen!